Zur Theorie sozialer Innovationen
Innovationen bedeuten nicht nur Veränderung, sondern versprechen auch eine Verbesserung. Soziale Innovationen adressieren gesellschaftspolitische Herausforderungen und haben den Anspruch, die Lebenssituation bestimmter Zielgruppen oder der gesamten Gesellschaft durch neue Herangehensweisen, Produkte oder Dienstleistungen zu verbessern.
In der Literatur werden soziale Innovationen allerdings oft als begrifflich, konzeptionell oder inhaltlich unscharfes Thema (Howaldt & Schwarz, 2010, S. 7), als nur mangelhaft theoretisch fundiert (Howaldt, Kopp & Schwarz, 2014, S. 11) und unser Wissen über soziale Innovationen als nebulös (Lurtz, Müller & Rüede, 2013, S. 3) und inkohärent (Rüede & Lurtz, 2012, S. 2) beschrieben. Gleichzeitig werden hohe Erwartungen an soziale Innovationen herangetragen: Soziale Innovationen sollen nicht nur soziale, sondern auch ökonomische, politische und ökologische Herausforderungen des 21. Jahrhunderts adressieren (Howaldt & Hochgerner, 2018, S. 18) und so unter anderem zu einer nachhaltigen Entwicklung der gesamten Gesellschaft beitragen (European Commission, 2013, S. 6–7).
Die Vermutung liegt nahe, dass die überbordenden Erwartungen an soziale Innovationen deren konzeptionelle Vagheit voraussetzen. Solange unklar bleibt, was soziale Innovationen im Kern auszeichnet und vor allem: was soziale Innovationen nicht sind, können sie als polyvalente Projektionsfläche für politische und ökonomische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger eine entlastende Wirkung entfalten. Gesellschaftliche Herausforderungen, die mit bestehenden Instrumenten und Zuständigkeiten von Markt und Staat nicht gemeistert wurden, sollen fortan „irgendwie“ über soziale Innovationen adressiert werden. In der Tat ist davon auszugehen, dass ein nicht geringer Teil der politischen Aufmerksamkeit, die sozialen Innovationen entgegengebracht wurde und wird, vor diesem Hintergrund zu sehen ist (Hofbauer, 2016, S. 14–20).
„Nach modernisierungstheoretisch geprägtem Verständnis sind soziale Innovationen gesellschaftliche Errungenschaften, indem sie bessere als die vorherigen Lösungen darstellen, Nutzen im weitesten Sinne stiften […] und mithin die gesellschaftliche Produktivität erhöhen.“ Katrin Gillwald, 2000
Im wissenschaftlichen oder auch ganz praktischen Umgang mit sozialen Innovationen ist die konzeptionelle Unschärfe eine Herausforderung, weshalb im Folgenden der Versuch einer Präzisierung unternommen wird. Wer am Ende eine einzig richtige und verbindliche Definition erwartet, wird enttäuscht werden. Soziale Innovationen zeichnen sich in der Tat durch einige Unschärfen aus – diese liegen aber nicht an konzeptionellen Schwächen, sondern in der Natur der Sache: Soziale Innovationen haben einen relationalen Charakter; sie konstituieren sich im Verhältnis zu einem in Bewegung befindlichen Kontext. Was zu einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit als soziales Problem definiert und welche andere als die bisherige Lösung als besser wahrgenommen, weiterkommuniziert, nachgeahmt und vielleicht sogar institutionalisiert wird, ist das Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Hierin liegt der Doppelcharakter von sozialen Innovationen begründet: Soziale Innovationen beziehen sich auf realweltliche und folgenreiche Veränderungen im sozialen Miteinander, die durchaus objektivierbar sind. Gleichzeitig hängt es von der subjektiven Einschätzung der Gesellschaftsmitglieder ab, welche Veränderungen als soziale Innovation ausgewiesen und im Weiteren verstetigt werden.
Es gibt viele Arbeiten, die sich mit Merkmalen sozialer Innovationen, mit den Bedingungen ihres Entstehens und typischen Verlaufsmustern befasst und wertvolle verallgemeinerbare Erkenntnisse hervorgebracht haben. In den kommenden Wochen werden an dieser Stelle die zentralen Ergebnisse dieser Vorarbeiten zu sozialer Innovation eingestellt.
Zitierte Quellen
- European Commission. (2013). Guide to Social Innovation. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/regional_policy/en/information/publications/guides/2013/guide-to-social-innovation
- Hofbauer, R. (2016). Soziale Innovation als neues Leitbild für soziale Entwicklung? Zeitschrift für Zukunftsforschung, 5(1), 5–23. Zugriff am 12.03.2021. Verfügbar unter: urn:nbn:de:0009-32-44841
- Howaldt, J. & Schwarz, M. (2010). „Soziale Innovation“ im Fokus. Skizze eines gesellschaftstheoretisch inspirierten Forschungskonzepts. Bielefeld: Transcript.
- Howaldt, J. & Hochgerner, J. (2018). Desperately Seeking: A Shared Understanding of Social Innovation. In J. Howaldt, C. Kaletka, A. Schröder & M. Zirngiebl (Hrsg.), Atlas of Social Innovation. New Practices for a Better Future (S. 18–21). Dortmund.
- Howaldt, J., Kopp, R. & Schwarz, M. (2014). Zur Theorie sozialer Innovationen. Tardes vernachlässigter Beitrag zur Entwicklung einer soziologischen Innovationstheorie. Weinheim: Beltz Juventa.
- Lurtz, K., Müller, S. & Rüede, D. (2013). Social Innovations: Expert Opinions on the Status Quo and Future Directions. Oestrich-Winkel: World Vision Center for Social Innovation. Zugriff am 12.03.2021. Verfügbar unter: https://socialinnovationexchange.org/_library/_uploaded/_items/_id_275/JC05xKI94Hqhg321UTEZODPL.pdf
- Rüede, D. & Lurtz, K. (2012). Mapping the various meanings of social innovation: Towards a differentiated understanding of an emerging concept (Research Paper Series 12-03). Oestrich-Winkel: EBS Business School. Zugriff am 12.03.2021. Verfügbar unter: http://ssrn.com/abstract=2091039
